Mythos: „1 g Salz hält 1 l Wasser im Gewebe“ – Speziell bei Dialysepatienten

Mythos: „1 g Salz hält 1 l Wasser im Gewebe“ – Speziell bei Dialysepatienten

Unter Dialysepatienten ist eine strikte Kontrolle von Salz- und Flüssigkeitsaufnahme essenziell. Dennoch hält sich der oft gehörte Merksatz, 1 g Kochsalz (NaCl) könne einen Liter Wasser im Gewebe binden. Klinisch und physiologisch ist diese Eins-zu-Eins-Beziehung jedoch unbegründet, zumal Dialysepatienten eigene Besonderheiten in der Salz-Wasser-Bilanz aufweisen.

1. Grundlagen der Salz- und Wasserbilanz bei Dialysepatienten

  • Osmotische Mechanismen:

    • Natriumionen ziehen Wasser ins Extrazellulärvolumen, um den osmotischen Druck auszugleichen.

    • Bei intakter Nierenfunktion würde überschüssiges Natrium rasch renal ausgeschieden. Dialysepatienten dagegen sind auf die intermittierende Hämodialyse angewiesen und können zwischen den Sitzungen keine effektive Natrium-Exkretion über die Niere leisten pmc.ncbi.nlm.nih.gov.

  • Extrazelluläre Volumenexpansion:

    • Salt Retention bewirkt eine Zunahme des Blutvolumens und Blutdrucks, was bei Dialysepatienten häufig zu prä- und post-dialytischen Blutdruckschwankungen führt.

    • Anders als in der Physiologie Gesunder kompensieren Dialysepatienten nicht kontinuierlich, sondern „akkumulieren“ Natrium und Wasser bis zur nächsten Dialyse sciencedirect.com.

Einfach erklärt: Salz und Wasser bei Dialyse

Unser Körper braucht Salz (Natrium), aber zu viel davon ist nicht gut. Normalerweise scheidet die Niere überschüssiges Salz und Wasser einfach über den Urin aus. Das funktioniert bei gesunden Menschen automatisch und ständig.

Bei Menschen mit Dialyse ist das anders: Ihre Nieren können das Salz nicht mehr richtig ausscheiden. Sie müssen regelmäßig zur Blutwäsche (Dialyse) gehen. In der Zeit zwischen den Dialysen sammelt sich Salz und Wasser im Körper an.

Dadurch kann das Blutvolumen ansteigen. Das führt dazu, dass der Blutdruck schwankt – er ist vor der Dialyse oft zu hoch und danach manchmal zu niedrig.

2. Quantitative Daten zur Wasserrückhaltung

Mehrere Studien untersuchten, wie viel Wasser pro Gramm Salz tatsächlich retained (zurückgehalten) wird:

Studie / Setting Δ Salz Δ Körperwasser ml Wasser pro g NaCl
Verbalis et al. (Allgemeinbevölkerung) +6 g +200–540 ml 30–90 ml
Intermittierende Hämodialyse (randomisierte Studie)
sciencedirect.com
+4 g +160–320 ml 40–80 ml
Dialysepatienten (Bioimpedanz-Messungen prä-/post-Dialyse) Volumenschwankung 2–6 l gesamt¹

Kernbefund:
Pro Gramm NaCl fallen im Durchschnitt 30–90 ml Wasserretention an – weit entfernt von den oft kolportierten (verbreiteten, aber ungenauen) 1 l.

Ein Gramm Salz hält im Körper rund ein halbes Trinkglas (etwa 60 ml) Wasser zurück – nicht einen ganzen Liter, wie oft gesagt wird.

3. Spezifika bei Dialysepatienten

  • Interdialytische Gewichtszunahme (IDWG):

    • Die Zunahme des Körpergewichts zwischen zwei Dialysen resultiert aus der kumulativen Aufnahme von NaCl und Wasser. Eine IDWG von 3 % des Trockengewichts korreliert z. B. mit einer Mortalitässteigerung um bis zu 20 % frontiersin.org.

  • Hyponatriämie-Risiko:

    • Übermäßige Wasserzufuhr ohne adäquate Salzzufuhr kann zu Hyponatriämie führen – Dialysepatienten sind dafür besonders anfällig, da die überschüssige Flüssigkeit nicht renär kompensiert wird pmc.ncbi.nlm.nih.gov.

  • Langzeitfolgen von Volumenüberladung:

    • Chronische Überwässerung steigert das Risiko für Herzinsuffizienz, Lungenödeme und kardiovaskuläre Ereignisse. Jede Reduktion der IDWG um 0,5 kg senkt nachweislich die Hospitalisierungsrate frontiersin.org.

Zwischen den Dialysen sammelt sich Wasser im Körper – das kann gefährlich werden. Weniger Gewichtszunahme zwischen den Sitzungen bedeutet weniger Risiko für Herz und Lunge. Auch zu viel Wasser ohne genug Salz ist problematisch.

Fazit

  • Mythos entlarvt: 1 g Salz bindet nicht 1 l Wasser – realistisch sind 30–90 ml.

  • Dialysepatienten-spezifisch: Zwischen den Dialysen akkumulieren Natrium und Wasser, was zu Gewichtsschwankungen und kardiovaskulären Risiken führt.

  • Praxis: Strikte, aber ausgewogene Salz- und Flüssigkeitsrestriktion, begleitet von kontinuierlichem Volumen-Monitoring, ist der Schlüssel zur Risikominimierung.

Quellen & Studien
Positive and Negative Aspects of Sodium Intake in Dialysis and Non-Dialysis CKD Patients: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8000895/
Effect of dietary sodium restriction on body water, blood pressure, and inflammation in hemodialysis patients: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2405457724001682
Sodium and water handling during hemodialysis: https://www.kidney-international.org/article/S0085-2538(18)30781-6/fulltext
Sodium First Approach… in Hemodialysis Patients: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fneph.2022.935388/full
Sodium Intake and Chronic Kidney Disease (MDPI): https://www.mdpi.com/1422-0067/21/13/4744 

Last Updated: 18. Juli 2025By Tags: , ,